Lehre mit Matura: Berufsabschluss und Reifeprüfung parallel
Wer nach der Pflichtschule eine Lehre beginnt, muss sich nicht zwischen Beruf und Studium entscheiden. Seit 2008 gibt es in Österreich das Modell Lehre mit Matura, oft auch Berufsmatura genannt. Lehrlinge legen dabei parallel zur Ausbildung im Betrieb die Berufsreifeprüfung ab. Die Vorbereitungskurse finanziert der Bund über das Bildungsministerium, für die Jugendlichen fallen keine Kursgebühren an.
Was am Ende herauskommt
Die Berufsreifeprüfung ist eine vollwertige Matura. Sie berechtigt zum Studium an Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen, ohne Einschränkung auf bestimmte Fächer. Wer das Programm abschließt, hat also zwei Dinge in der Hand: den Lehrabschluss und die allgemeine Hochschulreife. Für viele Jugendliche ist das der Grund, sich nach der neunjährigen Schulpflicht für eine Lehre zu entscheiden, statt aus Sorge vor einer Sackgasse in eine Schule zu wechseln, die nicht passt.
Die vier Teilprüfungen
Die Berufsreifeprüfung besteht aus vier Teilen:
- Deutsch: schriftliche Klausur und mündliche Prüfung
- Mathematik: schriftliche Klausur, je nach Bereich angewandt
- Lebende Fremdsprache: meist Englisch, schriftlich oder mündlich
- Fachbereich: ein Thema aus dem Berufsfeld, oft mit Projektarbeit
Drei der vier Teilprüfungen dürfen schon während der Lehrzeit abgelegt werden. Die letzte ist erst nach der Lehrabschlussprüfung und nach Vollendung des 19. Lebensjahres möglich. Bis zu drei Teilprüfungen können bei einer anerkannten Erwachsenenbildungseinrichtung stattfinden, mindestens eine muss vor einer Prüfungskommission an einer öffentlichen höheren Schule abgelegt werden. Wie die Prüfungen an AHS und BHS ablaufen, zeigt der Beitrag zur Matura 2026.
Zwei Modelle: integriert oder begleitend
Lehrbegleitend
Die Kurse finden abends oder am Wochenende statt, zusätzlich zu Betrieb und Berufsschule. Die Lehrzeit bleibt unverändert. Dieses Modell ist am weitesten verbreitet, verlangt aber viel Disziplin, weil die Lernzeit von der Freizeit abgeht.
Integriert
Ein Teil der Vorbereitung läuft während der Arbeitszeit. Dafür braucht es die Zustimmung des Lehrbetriebs. In manchen Fällen wird die Lehrzeit verlängert, damit Ausbildung und Kurse nebeneinander Platz haben. Einige Bundesländer bieten außerdem Varianten an, bei denen der Unterricht an die Berufsschule gekoppelt ist.
Welche Variante es gibt, hängt vom Bundesland ab. Jedes Land hat eine Landeskoordinationsstelle, die das Programm organisiert und Auskunft gibt.
Wer die Kurse anbietet
Die Vorbereitung übernehmen Erwachsenenbildungseinrichtungen, die vom Bildungsministerium anerkannt sind. Die wichtigsten Anbieter:
- WIFI: das Bildungsinstitut der Wirtschaftskammer, in allen Bundesländern vertreten
- bfi: Berufsförderungsinstitut, getragen von Arbeiterkammer und ÖGB
- LFI: Ländliches Fortbildungsinstitut, vor allem für Lehrlinge in land- und forstwirtschaftlichen Berufen
- Volkshochschulen und einzelne Berufsschulen, je nach Region
In Städten wie Graz oder Linz ist das Kursangebot dichter, in ländlichen Bezirken muss man teils weitere Wege einplanen. Manche Anbieter setzen deshalb auf Blended Learning mit Online-Einheiten.
So läuft die Anmeldung
Voraussetzung ist ein aufrechtes Lehrverhältnis. Der Einstieg ist grundsätzlich ab dem ersten Lehrjahr möglich, viele beginnen im zweiten. Die Schritte:
- Kontakt mit der Landeskoordinationsstelle oder direkt mit WIFI, bfi oder LFI aufnehmen
- Beratungsgespräch, oft mit einem Einstufungstest in Deutsch, Mathematik oder Englisch
- Bei der integrierten Variante: Vereinbarung mit dem Lehrbetrieb über die Kurszeiten
- Anmeldung zum ersten Kursmodul, meist mit Semesterbeginn im Herbst oder Frühjahr
Die Kurse orientieren sich nicht exakt an den Schulferien. Wer Kursblöcke und Urlaub plant, sollte die Termine der Berufsschule im Jahreskalender danebenlegen. Die Ferien des eigenen Bundeslandes stehen in der Übersicht unter Schulferien Österreich, etwa für die Steiermark oder Oberösterreich.
Die Rolle des Lehrbetriebs
Beim lehrbegleitenden Modell muss der Betrieb nur informiert werden. Beim integrierten Modell entscheidet er mit, weil der Lehrling Arbeitszeit für die Kurse bekommt. Viele Betriebe sehen darin ein Argument im Wettbewerb um Lehrlinge. Die Wirtschaftskammer weist darauf hin, dass Absolventinnen und Absolventen oft im Unternehmen bleiben und später Führungsaufgaben übernehmen. Ein offenes Gespräch mit Ausbilderin oder Ausbilder vor der Anmeldung erspart spätere Konflikte bei Dienstplänen.
Die Kehrseite: Doppelbelastung
Lehre mit Matura heißt für mehrere Jahre volle Arbeitswoche, Berufsschule und Kurse. Die Evaluierungen des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) zeigen seit Jahren, dass ein erheblicher Teil der Teilnehmenden nicht alle vier Teilprüfungen abschließt. Gründe sind meist Zeitmangel, Probleme in Mathematik oder ein Wechsel des Lehrbetriebs.
Ein Abbruch ist aber kein Totalverlust. Bestandene Teilprüfungen bleiben gültig und können später ergänzt werden, auch nach dem Ende der Lehrzeit über die reguläre Berufsreifeprüfung. Die Kurse sind dann allerdings meist kostenpflichtig, Förderungen gibt es über das AMS oder die Länder.
Was beim Durchhalten hilft
- Mit dem Fach beginnen, das am leichtesten fällt, um früh ein Erfolgserlebnis zu haben
- Mathematik nicht ans Ende schieben, dort scheitern die meisten
- Lerngruppen mit anderen Lehrlingen aus dem Kurs bilden
- Bei Bedarf gezielt Unterstützung holen, ein Überblick zu Kosten steht im Beitrag zur Nachhilfe in Österreich
Für wen sich das Modell eignet
Lehre mit Matura passt zu Jugendlichen, die praktisch arbeiten wollen und sich ein Studium offenhalten möchten. Wer dagegen von Anfang an eine Matura mit fachlicher Ausbildung anstrebt und gern in der Schule lernt, findet an einer BHS einen direkteren Weg. Die Unterschiede zwischen den Schulformen erklärt der Beitrag AHS oder BHS.
Aktuelle Informationen zum Programm veröffentlichen das Bildungsministerium sowie die Landeskoordinationsstellen. Weitere Ratgeber zu Schule und Ausbildung gibt es unter Aktuelles.