Ethikunterricht in Österreich: Pflichtfach für Kinder ohne Religion
Bis vor wenigen Jahren hatten Jugendliche ohne Religionsunterricht in vielen Schulen schlicht eine Freistunde. Das hat sich geändert. Seit dem Schuljahr 2021/22 ist Ethik in Österreich ein Pflichtgegenstand für alle, die in der Oberstufe keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen. Die gesetzliche Grundlage ist eine Novelle des Schulorganisationsgesetzes aus dem Jahr 2020, umgesetzt vom BMBWF.
Für wen Ethik gilt
Ethik betrifft Schülerinnen und Schüler ab der 9. Schulstufe an weiterführenden Schulen, also in der AHS-Oberstufe sowie an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMS und BHS). Eingeführt wurde das Fach aufsteigend: Im ersten Jahr startete es in der 9. Schulstufe, danach kam jedes Jahr ein Jahrgang dazu. Inzwischen ist es in allen Oberstufenklassen angekommen.
Ethik besuchen zwei Gruppen:
- Jugendliche ohne religiöses Bekenntnis
- Jugendliche, die vom Religionsunterricht abgemeldet sind oder deren Religionsgemeinschaft an der Schule keinen Unterricht anbietet
Welche Schulform zum eigenen Kind passt, beschreibt der Beitrag AHS oder BHS: Welche Schulform passt zu welchem Kind?. Für Ethik macht die Wahl keinen Unterschied, das Fach gibt es an beiden.
Wie viele Kinder das betrifft
Laut Statistik Austria (Erhebung zum Religionsbekenntnis 2021) gehören rund 22 Prozent der Bevölkerung keiner Religionsgemeinschaft an. Römisch-katholisch sind etwa 55 Prozent, muslimisch rund 8 Prozent. In Wien liegt der Anteil ohne Bekenntnis deutlich über dem Bundesschnitt, in ländlichen Regionen darunter. Dazu kommen Abmeldungen von Jugendlichen, die formal einer Kirche angehören. In vielen städtischen Oberstufen ist die Ethikgruppe deshalb längst keine Randerscheinung mehr.
Was im Ethikunterricht passiert
Der Lehrplan des BMBWF setzt auf philosophische Ethik, nicht auf Glaubensinhalte. Die Jugendlichen lernen, moralische Fragen zu begründen und unterschiedliche Positionen abzuwägen. Typische Themen sind:
- Fragen des Zusammenlebens wie Gerechtigkeit, Verantwortung oder Umgang mit Konflikten
- Grundlagen der Weltreligionen und Weltanschauungen, vermittelt aus neutraler Perspektive
Später kommen Bereiche wie Medizinethik, Medien oder der Umgang mit Natur und Technik dazu. Ethik umfasst wie Religion in der Regel zwei Wochenstunden. Unterrichten dürfen Lehrkräfte mit Lehramtsstudium Ethik oder mit einem entsprechenden Hochschullehrgang, den die Pädagogischen Hochschulen für bereits tätige Lehrerinnen und Lehrer anbieten.
Religion bleibt Pflichtfach, mit Abmeldemöglichkeit
Am Religionsunterricht selbst ändert Ethik nichts. Wer einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgesellschaft angehört, ist automatisch für deren Religionsunterricht angemeldet. Das Fach ist für diese Kinder Pflicht. Eine Abmeldung ist möglich, aber an klare Regeln gebunden:
- Unter 14 Jahren melden die Erziehungsberechtigten ab.
- Ab 14 Jahren gilt die Religionsmündigkeit. Die Jugendlichen entscheiden dann selbst, die Eltern müssen nicht zustimmen.
Die Abmeldung erfolgt schriftlich bei der Schulleitung, und zwar nur in den ersten Tagen des Schuljahres. Wer die Frist verpasst, bleibt für das laufende Jahr im Religionsunterricht. Wann das Schuljahr im eigenen Bundesland beginnt, zeigt der Ferienkalender aller Bundesländer: Wien, Niederösterreich und das Burgenland starten eine Woche früher als die übrigen sechs Länder. Für das Schuljahr 2026/27 ist die Frist damit bereits abgelaufen, die nächste Gelegenheit kommt im September 2027.
Wichtig für die Oberstufe: Eine Abmeldung von Religion bedeutet seit 2021/22 keine Freistunde mehr. Wer abgemeldet ist, wechselt automatisch in Ethik. Wer den Religionsunterricht wieder besuchen will, kann sich zum nächsten Schuljahr erneut anmelden.
Zählt die Note?
Ja. Ethik ist ein Pflichtgegenstand mit Zeugnisnote, genau wie Religion für angemeldete Kinder. Ein Nicht genügend in Ethik wirkt sich auf den Aufstieg in die nächste Klasse aus wie in jedem anderen Pflichtfach. Eltern sollten das Fach deshalb nicht als Nebensache abtun, auch wenn es selten zu Problemen führt. Mehr dazu, was sich im laufenden Jahr an Schulen geändert hat, steht im Beitrag Schuljahr 2026/27 in Österreich: Was sich für Familien ändert.
Was ist mit der Unterstufe?
In Volksschule, Mittelschule und AHS-Unterstufe gibt es Ethik bisher nicht als Pflichtfach. Kinder, die dort vom Religionsunterricht abgemeldet sind oder kein Bekenntnis haben, haben in dieser Stunde frei oder werden beaufsichtigt. Einzelne Schulen bieten Ethik im Rahmen von Schulversuchen oder unverbindlichen Übungen an. Die Schulversuche gehen auf das Schuljahr 1997/98 zurück.
Über eine Ausweitung wird seit Jahren gestritten. Befürworter argumentieren, dass Wertebildung nicht erst mit 14 beginnen sollte. Außerdem wollen sie einen gemeinsamen Ethikunterricht für alle Kinder, unabhängig vom Bekenntnis. Die Religionsgemeinschaften wollen ihren konfessionellen Unterricht erhalten und sehen Ethik als Ersatzfach, nicht als Ersatz für Religion. Hinzu kommt der Lehrermangel, der eine rasche Ausweitung erschwert. Hintergründe dazu liefert der Artikel Lehrermangel in Österreich: Wie Schulen 2026 gegensteuern. Ein fixer Termin für Ethik in der Sekundarstufe I steht derzeit nicht fest.
Praktische Hinweise für Eltern
- Klären Sie vor Schulbeginn, ob Ihr Kind am Religionsunterricht teilnehmen soll. Nach den ersten Schultagen ist keine Abmeldung mehr möglich.
- Ab 14 entscheidet Ihr Kind selbst. Ein Gespräch darüber lohnt sich trotzdem, weil die Entscheidung den Stundenplan für ein ganzes Jahr festlegt.
- Bei Fragen zum Ablauf an der konkreten Schule hilft die Schulleitung oder die zuständige Bildungsdirektion weiter.
Wer das Schuljahr samt Ferien und schulfreien Tagen im Blick behalten will, findet die Termine im Jahreskalender. Familien in der Hauptstadt finden alle Daten gesammelt auf der Seite Schulferien Wien und unter Schulferien in der Stadt Wien.